Neue Türen

Dr. Dierbach bei seinem Vortrag im Kinderdorf in Dissen. Dierbach ist Abteilungsleiter der Fachschule für Erzieher:innen an der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Altona.

Wie wir aktuelle Forschungsimpulse im Erziehungsalltag integrieren

Lebenslanges Lernen kann so spannend sein! Kürzlich konnten wir Dr. Stefan Dierbach für einen packenden Vortrag gewinnen: Es ging um die Rolle der „Autorität“ in der pädagogischen Beziehungsarbeit.
Die pädagogischen Mitarbeitenden vom Westfälischen Kinderdorf Niedersachsen und einige Mitarbeitende vom Westfälischen Kinderdorf Lipperland verfolgten hochfokussiert den vital gehaltenen, von Fachwissen und Praxiserfahrungen geprägten Vortrag und gingen zwischendurch immer wieder in angeregte Diskussion mit dem Dozenten.

Auch herausfordernden Kindern und Jugendlichen gerecht werden

Klar: Es wäre gut, wenn Wünsche und auch Anordnungen der pädagogischen Fachkräfte im Gruppenalltag bei unseren Kindern und Jugendlichen stets auf offene Ohren stoßen würden. Doch viele der jungen Menschen, die bei uns aufwachsen, haben in ihrem Leben vor Wekido nur durch misstrauisches, abwehrendes oder sogar aggressives Verhalten überlebt.

Diese emotional tief verletzten Menschen wertschätzend zu begleiten, bis sie sich öffnen, uns vertrauen und positiv am Gruppenleben teilnehmen, ist eine fordernde Aufgabe, der sich unsere pädagogischen Fachkräfte täglich aufs Neue stellen.

Dominanz und Strafen sind kontraproduktiv

Autoritäres, womöglich sogar strafendes Auftreten des Erziehenden bringt die Beziehungsarbeit nicht weiter und beendet das abweisende Verhalten des Kindes oder Jugendlichen nicht, ist sich die Forschung inzwischen sicher. Doch wie sollen die Fachkräfte nun herausforderndem Verhalten begegnen?

„Wir wollen keine Türen schließen, ohne andere aufzutun“, versprach die pädagogische Wekido-Vorständin Carmen Ramos. Doch einfache Rezepte hatte Dierbach nicht im Gepäck. „Pädagogik ist anders als Mechanik: Für konkrete Momententscheidungen gibt es keine Katalogantwort“.

Beobachten und Angebote machen

Stattdessen lud er dazu ein, genau hinzuschauen: „Was braucht das Kind? Wovon hatte es noch nicht genug? Was davon kann ich ihm geben, was nicht?“ Sicherheit, Geborgenheit, Nähe, Respekt, Zukunftsperspektiven sind nur einige dieser Bedürfnisse, denen es fachlich zu begegnen gilt.

Nur wer weiß, warum ein Kind sich herausfordernd verhält, kann dessen Gefühle spiegeln und ihm ein passendes Angebot machen, erklärte Dierbach. Sobald das Kind sich gesehen, verstanden und angenommen fühle, entstehe nach und nach eine positive Beziehung.

Die Testphase überstehen

„Bevor sich Kinder oder Jugendliche auf eine neue Beziehung einlassen, testen sie Sie immer wieder“, warnte Dierbach.
Ist die Fachkraft verlässlich? Bleibt sie trotz aller Provokationen fachlich? Bedingt durch ihre problematischen Vorerfahrungen schauen die Kinder und Jugendlichen ganz genau hin, bevor sie sich öffnen und damit verletzlich machen.
„Diese Testphase ist eine Belastung für Sie als Fachkraft. Das ist anstrengend, aber das muss man als Pädagoge aushalten“, zollte Dierbach den Herausforderungen der stationären Jugendarbeit Respekt.

Und die Autorität?

„Autorität kann ich mir nicht holen, sie ist ein Geschenk, das uns Kinder und Jugendliche machen. Will ich sie erzwingen, ruiniere ich damit die pädagogische Beziehung“, erteilte Dierbach überholten Erziehungsmodellen eine klare Absage.

Erst durch Zuwendung, Verlässlichkeit und Fachkompetenz erwachse aus einer aufkeimenden Beziehung irgendwann Autorität: Das Kind oder der Jugendliche nimmt dann immer öfter Rat und Weisungen der Fachkräfte an und wächst in den Gruppenalltag hinein, der nach und nach positiver verläuft. Autoritäres Verhalten sei aber auch in diesem Beziehungsstadium nicht gefragt, betonte Dierbach: „Wenn ich Autorität bin, brauche ich nicht autoritär zu sein.“

Der selbstbestimmte Mensch als Erziehungsziel

Für unsere Kinder und Jugendlichen streben wir bei Wekido die Ermöglichung eines selbstbestimmten, mündigen Erwachsenenlebens mit möglichst umfassender sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Teilhabe an. Hierfür gab uns Dr. Dierbach einige kluge Überlegungen mit auf den Weg:

„Im Verlauf der Erziehung hat die Autorität die Aufgabe sich überflüssig zu machen“, betonte er, „sie begleitet die Entwicklung von der äußeren zur inneren Autorität.
Der pädagogische Zweck der Erziehung ist nicht, dass die Autorität sich durchsetzt! Sie hat vielmehr eine dienende Rolle, nimmt im Verlauf der Entwicklung ab und schafft sich schließlich selbst ab, zugunsten der inneren Autorität des Heranwachsenden.“

Umsetzung im Alltag

Dieser einleuchtend präsentierte Denkansatz warf in unserem Team viele Fragen auf, meist zu ganz konkret erlebten herausfordernden Situationen. Dr. Dierbach ging konkret auf jede dieser Fragestellungen ein, und zu einigen Thematiken entspann sich daraufhin eine fruchtbare fachliche Diskussion.

Unsere Fachkräfte haben aus dieser Halbtagsveranstaltung neue Impulse und Erkenntnisse gezogen, die sie nun in der Praxis austesten können. Wir freuen uns, dass unser Team bei pädagogischen Entwicklungen eng am Ball bleibt, und planen schon jetzt die nächsten Impulse und Fortbildungen.

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